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Judentum & jüdische Identitäten

Das Judentum bezeichnet einerseits die jüdische Religion, Traditionen und Kultur, andererseits das jüdische Volk. Was ist eigentlich das Judentum, die jüdische Diaspora und was bedeutet es, „jüdisch“ zu sein?



Was ist eigentlich das Judentum?

Unter Judentum versteht man zum einen die Religion, die Traditionen und Lebensweise, die Philosophie und diverse Kulturen der Jüdinnen und Juden, zum anderen aber auch die Gesamtheit aller Jüdinnen*Juden als Volk. Das „jüdische Volk“ bezeichnet sowohl das historische Volk der Israeliten, also alle Angehörigen der Zwölf Stämme Israels, als auch alle Jüdinnen*Juden, die nach der Tora (dem ersten Teil der Heiligen Schrift der Juden) von Abraham, Isaak und Jakob abstammen. Das Judentum bezeichnet also eine ethnisch-religiöse Volksgruppe.

Die jüdische Religion ist die älteste der monotheistischen abrahamitischen Religionen, die sich auf den Stammvater des Judentums Abraham bezieht, mit einer mehr als 3.000 Jahre alten Geschichte, in der sie sich entwickelt hat. Keineswegs ist hier jedoch von einer einheitlichen Religion zu sprechen, sondern es gibt viele verschiedene Strömungen, wie zum Beispiel orthodoxe, liberale oder Reformströmungen, die sich wiederum von Land zu Land unterscheiden können.

Was ist die jüdische Diaspora?

Auch ist das jüdische Volk nicht ein ethnisch einheitliches Nationalvolk mit einer einheitlichen Geschichte, Sprache und Kultur, da es keinen geschlossenen Siedlungsraum hatte, sondern durch mehrere Vertreibungen aus der historischen Heimat zur jüdischen Diaspora im Exil zerfiel. Es gibt dadurch viele verschiedene Gruppierungen innerhalb des jüdischen Volkes. Die drei größten umfassen die aschkenasischen Jüdinnen*Juden aus Europa und Osteuropa, die sephardischen Jüdinnen*Juden aus Spanien und Portugal, und die mizrachischen Jüdinnen*Juden aus dem Orient und Nordafrika. Sie alle zeichnen sich durch die unterschiedlichen Geschichten und kulturellen Einflüsse der jeweiligen Länder aus, die sie mit dem Judentum vereinbaren. Zum Beispiel werden verschiedene Gerichte von Couscous bis Borschtsch koscher gekocht. Die Bezeichnungen aschkenasisch und sephardisch sind historische Begriffe, die sich in der Diaspora entwickelt haben; mizrachisch ist dagegen ein Begriff aus der Gegenwart.

Deborah Antmann: Judentum = Religion?

Nun zu den Basics, die auch schon vor mir jüdische Feminist*innen gebetsmühlenartig (dies ist eine Anspielung) seit über 30 Jahren wiederholen: Judentum ist keine Religion. Das ist ungefähr so, als würde mensch behaupten, Schnürsenkel und Schuhe seien das Gleiche. Natürlich können Schnürsenkel EIN TEIL von Schuhen sein, aber viele Menschen tragen auch Schuhe mit Klettverschluss, Slipper oder Pumps. Judentum ist in erster Linie eine Denk- und Kulturtradition, eine Philosophie, familienbezogene Kulturpraxis und -geschichte. Ein TEIL davon KANN Religion sein, aber in vielen Fällen ist es das nicht. Judentum zu einer Religion zu verkürzen, bedeutet die eigene (christliche) Kulturpraxis zu universalisieren. Wenn ich von mir als Jüdin spreche, sagt das somit erst mal nichts darüber aus, ob oder inwieweit ich religiös bin. Daraus automatisch ein Glaubensbekenntnis zu machen, ist wie zu behaupten, alle Leute, die Weihnachten mit ihrer Familie verbringen, sonntags freihaben und sich nach einer kalendarischen Zeitrechnung richten, die behauptet, es sei 2017, seien gläubige Christ*innen. Dafür kein Verständnis zu haben, ist Ausdruck wc-deutscher Dominanzkultur.

Antmann, Deborah (2017): Jüdischer Feminismus 101. Nicht die jüdische Kolumne, die ihr euch wünscht, sondern die, die ihr verdient.

Wer ist jüdisch?

Auf die Frage, wer eigentlich als jüdisch gilt, gibt es verschiedene Antworten. Nach dem religiösen Gesetz Halacha gilt die Person als jüdisch, die eine jüdische Mutter hat. Gewöhnlich wird die jüdische Zugehörigkeit also über die Mutter, d.h. matrilinear vererbt. Es gibt einige Ausnahmen, die bis heute gelten: Ist der Vater ein Kohen oder Levi, also ein Nachfahre von Priestern oder Leviten, die zu den Zwölf Stämmen Israels gehörten und einst im Jerusalemer Tempel Dienst taten, so gilt dies auch für seine Söhne. Die jüdische Zugehörigkeit kann grundsätzlich nicht verwirkt oder abgelegt werden.

Auch viele säkulare Jüdinnen*Juden folgen der matrilinearen Vererbung, obwohl es in liberalen Gemeinden immer mehr Bestrebungen gibt, auch die Kinder jüdischer Väter als jüdisch anzuerkennen. Säkulare Jüdinnen*Juden verankern ihre Zugehörigkeit zum Judentum nicht mehr durch den Glauben an die jüdische Religion, sondern verbinden sie mit der Philosophie, der Kultur, der individuellen Prägung durch die verwandtschaftliche, vererbte Verbindung zum jüdischen Volk. Durch den Bezug auf die gemeinsame Herkunft können sich gläubige und säkulare Jüdinnen*Juden dem jüdischen Volk zugehörig fühlen. Die Angehörigkeit zum Judentum gestaltet sich somit als vielschichtiges Identitätsmerkmal, das verschiedene Ausprägungen hat. Dabei liegt die Definitionsmacht, wer jüdisch ist und was jüdisch zu sein bedeutet, bei den Jüdinnen*Juden selbst. Zuschreibungen von außen werden der Komplexität der jüdischen Identität selten gerecht.

Die Frage, wer jüdisch ist, hat auch den Staat Israel, der sich als Nationalstaat des jüdischen Volkes versteht, beschäftigt. Gewissermaßen in Umkehrung der nationalsozialistischen Rassegesetze von 1935 schloss das israelische Heimkehrgesetz von 1950 alle ein, die auch nur einen jüdischen Großelternteil hatten. So sollten sie vor einer rassistischen Verfolgung in Israel Schutz finden können. Diese Praxis wurde auch in einer Reihe osteuropäischer Staaten zum Kriterium für die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft als einer ethnisch oder soziokulturell gefassten Gruppe. In Israel wurde das Heimkehrgesetz mehr und mehr dem religionsgesetzlichen Verständnis angeglichen und 1970 so überarbeitet, dass nunmehr in Israel als Jüdin*Jude gilt, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nach halachischen, d.h. religionsgesetzlichen Regeln zum Judentum übergetreten ist und keiner anderen Religion angehört. 1 Trotzdem gibt es auch Fälle von Personen mit jüdischen Vätern, die die Nationalbürgerschaft bekommen haben, weil sie ihre Verfolgung als Jüdinnen*Juden nachweisen konnten.

In Deutschland versteht die Mehrheitsgesellschaft die Zugehörigkeit zum Judentum heute ausschließlich als Zugehörigkeit zur jüdischen Religion. 2 Ein Blick auf die Geschichte der meisten Jüdinnen*Juden in Deutschland zeugt jedoch von einem anderen Verständnis. Als jüdischen Zuwander*innen aus der Sowjetunion unter Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes die Einwanderung nach Deutschland ermöglicht wurde, fanden die Behörden und der Zentralrat der Juden in Deutschland eine weltliche, nationale Antwort auf die Frage: Kinder und z.T. Enkelkinder jüdischer Väter und/oder jüdischer Mütter durften nach Deutschland auswandern. Eine solche ethnisch-nationale Auffassung von Judentum entsprach auch dem Paragraf 5 in den sowjetischen Personalausweisen. Darin gab es eine Spalte "nacional’nost’" (Nationalität), in der bei Jüdinnen*Juden "evrej" ("Hebräer", Jude) stand. Die nationale Zugehörigkeit wurde in der UdSSR bei den Jüdinnen*Juden wie bei den Nichtjüdinnen und -juden in der Regel väterlicherseits geführt. 3 Dieser Eintrag im sowjetischen Pass diente dazu, die Juden aufgrund ihrer Nationalität zu diskriminieren.

Folglich kamen zehntausende Menschen als Jüdinnen*Juden nach Deutschland, wo sie in den hiesigen Synagogen religiös als nichtjüdisch angesehen wurden, weil sich die Gemeinden am halachischen Religionsgesetz orientieren. Von den knapp 220.000 Einwander*innen fanden lediglich 85.000 den Weg in die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik. Sie retteten de facto das institutionalisierte jüdische Leben in Deutschland: Ende der 1980er Jahre hatte es nur noch knapp 30.000 Gemeindemitglieder, die meisten von ihnen bereits höheren Alters, gegeben. Ohne die Einwanderung gäbe es im heutigen Deutschland keine jüdischen Gemeinden jenseits der Großstädte mehr. 4

Literatur